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Nordwestlich von Kos liegt eine schroffe Kalkinsel, die auf den ersten Blick karg wirkt und trotzdem zu den bekanntesten der Dodekanes zählt. Kalymnos, mit rund 110 Quadratkilometern die viertgrößte Insel dieser Inselgruppe, verdankt ihren Ruf einem einzigen Gewerbe: der Schwammtaucherei. Wer heute hinfährt, findet vor allem Kletterer und Tagestouristen, die Geschichte dahinter reicht aber deutlich weiter, bis in eine Zeit, in der Familien am Hafen standen und nicht wussten, wie viele ihrer Männer zurückkommen würden.
Die Insel selbst
Kalymnos liegt 12 Kilometer nördlich von Kos und nur gut 2 Kilometer südlich von Leros, zur türkischen Bodrum-Halbinsel im Osten sind es knapp 17 Kilometer. Die Insel ist überwiegend gebirgig, Ebenen machen weniger als 10 Prozent der Fläche aus, fruchtbar sind eigentlich nur die beiden Täler von Vathys und Pothia, wo Oliven, Orangen und Wein wachsen. Insgesamt leben rund 16.000 Menschen auf der Insel, der Norden ist dagegen kaum besiedelt, die drei Dörfer auf der nördlichen Halbinsel kommen zusammen nicht auf 100 Einwohner.
Hauptort und Haupthafen ist Pothia, erst um 1850 gegründet und rasant gewachsen, weil damals der Boom der Schwammfischerei einsetzte. Die pastellfarbenen, klassizistischen Herrenhäuser entlang der Uferpromenade erzählen noch heute vom Wohlstand dieser Zeit, ergänzt um neokoloniale Bauten aus der italienischen Besatzungszeit im frühen 20. Jahrhundert. Drei Kilometer landeinwärts liegt Chorio, die alte Inselhauptstadt, heute baulich mit Pothia verschmolzen. Darüber thront das Kastro von Chora, auch Pera Kastro genannt, im 10. oder 11. Jahrhundert von den Byzantinern begonnen und 1495 von den Johannitern vollendet, bis 1812 bewohnt und mit neun gut erhaltenen kleinen Kirchen im Inneren. Eine zweite, kleinere Festung, Chrysocheria, liegt auf einem Hügel direkt über Pothia und wurde 2025 zusammen mit den umliegenden Windmühlen restauriert.
Weltweit bekannt ist Kalymnos inzwischen auch bei Sportkletterern, mit weit über 2.000 markierten Routen an den Felswänden rund um Masouri und Myrties, für viele mittlerweile ein größerer Wirtschaftsfaktor als die Schwammtaucherei selbst.
Wie die Schwammtaucherei die Insel prägte

Weil sich nur rund 18 Prozent des steilen, vulkanischen Bodens landwirtschaftlich nutzen ließen, blieben den Insulanern wenige Alternativen zum Meer. Handel, Bootsbau und Schwammtauchen wurden zu den zentralen Berufen, mit einer Flotte, die 1868 auf rund 300 Boote geschätzt wurde und bis vor die libysche Küste fuhr.
Ursprünglich tauchten die Männer nackt und frei, mit einem schweren Stein, der Skandalopetra, um schnell auf 20 bis 30 Meter Tiefe zu kommen. Ab Mitte der 1860er Jahre kam der Skafandro auf, ein Taucheranzug mit Metallhelm und Luftzufuhr über eine Handpumpe, der Tiefen von 60 bis 80 Metern ermöglichte. Der Ertrag stieg, aber niemand verstand damals die Regeln des Druckausgleichs. Zwischen 1886 und 1910 verzeichnen die Statistiken der Dodekanes Tausende Tote und Schwerbehinderte durch die Dekompressionskrankheit. Die Lage wurde so ernst, dass der osmanische Sultan, unter dessen Herrschaft die Insel damals stand, den Skafandro auf Druck der Frauen von Kalymnos zeitweise verbot, ihn aber aus wirtschaftlichen Gründen bald wieder zuließ. 1920 senkte ein neues Atemgerät namens Fernez zumindest die Zahl schwerer Unfälle.
Die deutsche Besatzung 1943 und 1944 traf die Insel hart, von rund 12.500 Bewohnern blieben nur etwa 9.000. Nach dem Krieg zog es viele erfahrene Taucher fort, mehrere hundert ließen sich in Tarpon Springs an Floridas Westküste nieder, das dadurch zur „Schwammhauptstadt der Welt“ wurde. Was Krieg und Krankheit nicht schafften, erledigte am Ende die Natur selbst: 1985 und 1986 zerstörte eine Pilzseuche große Teile der Schwammbestände im Mittelmeer und in Florida gleichermaßen. Von der Erschütterung erholte sich der Handel nie vollständig.
Was ein Naturschwamm eigentlich ist
Handelsnamen wie Honeycomb, Silk oder Grass bezeichnen keine eigenen Arten, sondern Struktur und Feinheit. Der Honeycomb, der Wabenschwamm, hat die gröbste Struktur und eignet sich für ein kräftiges Peeling, der Silk-Schwamm ist deutlich feinporiger und wird für Gesicht und empfindliche Haut verwendet. Schwämme aus der Ägäis wachsen im kühleren, tieferen Wasser langsamer als etwa karibische Ware, was ihre Faser feiner und strapazierfähiger macht, ein Grund, warum mediterrane Schwämme im Handel als Premiumqualität gelten.
Richtig gepflegt, mit regelmäßigem Ausspülen und gelegentlichem Salzwasserbad, hält ein Naturschwamm deutlich länger als ein synthetisches Pendant aus Kunststoff, das zudem bei jeder Nutzung Mikroplastik freisetzt.
Kalymnos heute

Von der einstigen Flotte ist wenig geblieben. Der Großteil der verarbeiteten Rohware stammt inzwischen aus Importen, echte Berufstaucher wie Pantelis Georgantis, dessen Alltag 2020 in einer arte-Dokumentation gezeigt wurde, sind die Ausnahme, meist mit gesundheitlichen Folgeschäden aus früheren Tauchgängen. Die staatliche Tauchschule der Insel, die einzige ihrer Art in Griechenland, bildet weiterhin aus, richtet sich heute aber an ein breiteres Publikum als nur an künftige Schwammfischer.
Wer die alte Geschichte greifbar erleben will, findet sie im Nautical-Sea-World-Museum in Pothia, in den zwei verbliebenen Schwammwerkstätten und in einem Osterbrauch, der bis heute erzählt wird: Die Frauen schwenkten weiße Tücher, wenn die Boote zur Schwammernte ablegten, und banden sich schwarze Kopftücher um, sobald die Boote außer Sichtweite waren, ein stiller Hinweis darauf, dass nicht jeder Mann zurückkommen würde.










